
Bericht über die Reise "Römisches Erbe" nach Tunesien - Libyen - Ägypten (mit Studiosus Reisen)
Meine Reise nach Libyen (inkl. Rahmenprogramm in Tunis/Karthago und Alexandria) war sehr abwechslungsreich und eindrucksvoll, allerdings auch anstrengend wegen der teils sehr langen Fahrtstrecken (manchmal 600-800 km am Tag, Durchschnittsgeschwindigkeit ca. 80km/h). Gerade bei der etwas eintönigen Fahrtstrecke entlang der großen Syrte wäre ein Inlandsflug Tripolis - Bengazi eine willkommene Alternative gewesen. Aber das ist auch schon alles, was ich an der Route ändern würde. Neben dem reichhaltigen Kulturprogramm haben wir in einer extremen Landschaft viel erlebt: Abenteuer wie einen Sandsturm und gewaltige Regengüsse in der Wüste, die kaum mehr als 5 m Sicht erlaubten. Einmal blieb der Bus mit Motorschaden auf der Piste liegen (zum Glück nahe einer Oase), wo wir dann nach Stunden in Geländewagen verladen und wieder nach Tripolis zurückgebracht wurden. Ein andermal blieb der Bus im Lehm stecken und musste mit einem Bagger wieder rausgezogen werden. Geduld und eine gewisse Schicksalsergebenheit braucht der Reisende bei einer solchen Unternehmung offenbar auch.
Die Museen und römischen Ausgrabungen Libyens sind sehr beeindruckend und mit wenig vergleichbar - gegen Leptis Magna oder Sabratha war etwa das römische Moguntia (Mainz) ein Dorf! Dass sich diese Städte der römischen Kaiserzeit, die aber punische Vorgängersiedlungen haben, so gut erhielten, liegt daran, dass sie jahrhundertlang unter dem schützenden Sand verdeckt lagen. Auch heute ist noch lange nicht alles freigelegt - und das ist vermutlich auch besser so, denn das Salzwasser des nahen Meeres tut dem Sandstein nicht gut und zersetzt ihn. Mögen nachfolgende Archäologengenerationen auch noch hier Entdecker spielen.
Positiv überrascht war ich davon, dass es in Libyen kaum Armut gibt (jedes Paar bekommt vom Staat bei Hausstandsgründung eine Wohnung und Zuschüsse für ein Auto). Und dank Ölboom kann auch eine gute Infrastruktur (Straßen / Elektrifizierung auch in der Wüste; gigantische Wasserversorgungsprojekte) aufgebaut und Bildung für alle angeboten werden, so dass es keine nennenswerte Analphabetenrate gibt. Ab und an trifft man sogar auf gut deutsch sprechende Libyer - die haben das noch zu DDR-Zeiten gelernt. Der Lebensstandard hier ist aktuell deutlich höher als in Ägypten oder Marokko. Aber Ägypten hat halt auch 80 Mio. Menschen (bei 30 Prozent Arbeitslosigkeit) zu versorgen und Libyen nur 6 Mio. (wobei die letzte Million erst im letzten Jahrzehnt dazukam!) Die Arbeitsmöglichkeiten in Libyen locken allerdings auch zahlreiche "Gastarbeiter" aus ärmeren Ländern an - auch illegale, die aus Niger oder dem Tschad von Süden her in das Land - im wahrsten Sinne des Wortes - einwandern.
2009 feierte Ghaddafi das 40jhr. Jubiläum seiner "Herrschaft" und entsprechend sind alle Städte mit seinem Konterfei in Plakatgröße dekoriert. Diese Abart des "Monotheismus" ist für Europäer doch schwer erträglich. Er scheint aber hier viel Gutes hinsichtlich wirtschaftlichem Aufschwung und Liberalisierung bewirkt zu haben. Auch wird der Islam nicht so streng praktiziert wie in manchen anderen Ländern der arabischen Welt. Ghaddafis Visionen, die er in seinem Manifest - dem "Grünen Buch" - niedergelegt hat, sehen sich doch innenpolitisch anders an, als von Europa aus. Sein neuestes Ziel: die Einigung der afrikanischen Länder in einer Union.
Dass das Land polizeilich streng kontrolliert wird, dringt dem Touristen nur ab und an ins Bewusstsein. Im Gegensatz zu Diktaturen sowjetischer Prägung ist der Aufsichtsapparat nicht sehr deutlich wahrnehmbar: Im Bus fuhr zwar (nur zu unserem Schutz!) ein Touristenpolizist mit, doch hielt er sich unauffällig im Hintergrund. An jeder Bezirksgrenze musste an einem Checkpoint eine komplette (ins Arabische übersetzte) Liste mit allen Namens- und Passdaten der Teilnehmer abgegeben werden, so war unsere Gruppe im Radius von 20km jederzeit lokalisierbar. Ein spontanes Abweichen-Wollen von der Route wäre vermutlich rasch zu einem Ende gekommen. Dass sich in dieser Atmosphäre Terrorismus entwickeln kann, ist allerdings auch unwahrscheinlich und für den Reisenden eine Beruhigung.
Die normale Bevölkerung ist freundlich und überhaupt nicht aufdringlich, es wird einem auch nichts zum Kaufen aufgenötigt - alles läuft sehr friedlich. Man merkt, dass das Land mit Tourismus kaum Erfahrung hat, und die rund 170.000 Ausländer, die Libyen jedes Jahr bereisen, haben die Sitten noch nicht "verderben" können. Der Kontrast zu Ägypten, wo viel zu viele Händler auf engem Raum konkurrieren und alle die Touristen als Käufer ins Visier nehmen, könnte nicht schlagender sein.
Der Hotelstandard war gemischt - einige Hotels waren sehr gut (wie Radisson in Tripolis), andere doch noch dem sozialistischen Einheitsstil verpflichtet. Jedoch ist nicht immer gesagt, dass man in dem gebuchten Hotel auch wirklich unterkommt - die Regierung kann für eigene Veranstaltungen wie die großen sozialistischen Volkskongresse jederzeit Hotels beanspruchen, und die Touristen müssen dann halt ausweichen. Dies passierte uns nicht weniger als vier Mal! Die Bewirtung (i. a. 4 Gang Menüs inkl. Getränke) war immer sehr zufriedenstellend und das Essen schmackhaft - und insgesamt empfand ich die Behandlung großzügig. Einziger Wermutstropfen: striktes Alkoholverbot! Wer sein tägliches Pils oder Pikkolo nicht missen möchte, sollte lieber woanders hinreisen. Ansonsten kann ich die Reise in ein touristisch kaum erschlossenes Land jedoch uneingeschränkt empfehlen.
Anne C. Schneider, Januar 2010